Lesekreise boomen – und sie finden längst nicht mehr nur im privaten Wohnzimmer statt. Buchhandlungen, Literaturhäuser, Kirchengemeinden, Volkshochschulen und Bildungsinstitute schaffen Räume für gemeinsames Lesen. Eine besonders konsequente und strukturierte Form der Unterstützung hat jedoch die Stadtbibliothek Osnabrück entwickelt: Seit 2022 bündelt sie ihre Aktivitäten in einem Lesekreis-Zentrum.
Was verbirgt sich hinter diesem Modell? Wie gelingt es einer kommunalen Bibliothek, innerhalb kurzer Zeit mehr als 20 selbstorganisierte Lesekreise auf den Weg zu bringen? Und welche Faktoren sind entscheidend für den nachhaltigen Erfolg?

Darüber habe ich mit
Michael Meyer gesprochen,
Mitarbeiter der Stadtbibliothek Osnabrück und Initiator des Lesekreis-Zentrums.
Darüber habe ich mit Michael Meyer gesprochen, Mitarbeiter der Stadtbibliothek Osnabrück und Initiator des Lesekreis-Zentrums.

Das Lesekreis-Zentrum im Überblick: Welche konkreten Angebote machen Sie Lesekreisen?
Die Stadtbibliothek ist als Lesekreis-Zentrum erste Anlaufstelle für alle, die einen Lesekreis suchen oder gründen möchten. Unsere Services helfen bei drei zentralen Herausforderungen: Mitglieder, Raum und Bücher.
Wer einen Lesekreis gründen möchte, kann sich bei mir melden. Über Presse, Social Media, Homepage sowie Flyer und Plakate unterstütze ich das erste Kennenlern-Treffen. Die Interessierten melden sich bei uns an, danach starten die Gruppen mit festen Terminen, einem ersten Buch und einem abgestimmten Kommunikationsweg. Anschließend organisieren sie sich selbstständig und kommen nur bei Bedarf wieder auf mich zu – etwa wenn neue Mitglieder gesucht werden. So sind inzwischen mehr als 20 Lesekreise entstanden. Auch wer Anschluss an einen bestehenden Kreis sucht, kann sich an mich wenden.
Für Treffen bieten wir die Stadtbibliothek während der Öffnungszeiten kosten- und konsumfrei als Raum an. Die Gruppen nennen ihre Wunschtermine, ich reserviere einen Gruppentisch.
Um die Buchauswahl zu erleichtern und finanziell zu entlasten, verleihen wir inzwischen 30 Lesekreistaschen. Jede enthält zehn Exemplare eines Titels, der sich gut für Diskussionen eignet. Das vereinfacht die Organisation erheblich.

Von der Idee zur Umsetzung: Wie ist das Lesekreis-Zentrum entstanden und wer hat zum Aufbau beigetragen?
Menschen über das Lesen zusammenzubringen gehört für mich zum Auftrag von Bibliotheken. Als ich von der wachsenden Popularität von Lesekreisen las, stellte sich mir die Frage, welche Rolle wir dabei spielen können. Klar war: Wir können nicht alle Gruppen selbst betreuen – sie müssen selbstverwaltet sein. So entstand die Idee der Bibliothek als „social reading hub“: vermitteln, unterstützen, verbinden.
Wichtige Impulse erhielt ich durch ein Webinar von Kerstin Hämke beim Börsenblatt. In der Startphase habe ich die örtlichen Buchhandlungen einbezogen, teilweise entstanden dort eigene Lesekreise. Zusätzlich boten wir zwei moderierte Lesekreise an, die später in selbstverwaltete Gruppen übergingen. Beim Kick-Off stellten sich alle neuen Kreise vor, begleitet von einem Impulsvortrag von Kerstin Hämke.
Finanziell unterstützt wurden wir von der VGH-Stiftung und der Stiftung Stahlwerk Georgsmarienhütte.
Nachfrage und Resonanz: Wie wird das Angebot in Osnabrück angenommen?
Die Nachfrage ist groß: Alle Lesekreise sind derzeit voll, die Wartelisten lang. Wöchentlich erreichen mich neue Anfragen.
Ein Beispiel: Auf einen Instagram-Post zur Gründung eines feministischen Lesekreises meldeten sich rund 50 Personen – daraus entstanden schließlich vier Gruppen. Auch englischsprachige Lesekreise sind stark gefragt; von derzeit 23 Gruppen sind fünf English Book Clubs, ein weiterer ist geplant.
Die Lesekreistaschen werden intensiv genutzt, einige Gruppen haben das gesamte Angebot bereits gelesen. Deshalb bemühe ich mich kontinuierlich um neue Titel. Manche Lesekreise spenden ihre bereits gelesenen Bücher, sodass wir daraus neue Taschen zusammenstellen können.
Auch unser Raumangebot wird gern angenommen. Innerhalb der Öffnungszeiten bevorzugen die Gruppen die Bibliothek gegenüber Cafés oder privaten Räumen – es ist ruhig und kostenfrei.
Ausblick: Welche nächsten Ideen verfolgen Sie?
Einmal jährlich treffe ich mich mit den Ansprechpersonen der Lesekreise, um Erfahrungen auszutauschen und Wünsche zu sammeln. Ein Ergebnis: Die Gruppen möchten sich stärker untereinander vernetzen, etwa für gemeinsame Unternehmungen.
Geplant sind zudem besondere Angebote wie exklusive Treffen mit Autorinnen und Autoren für Lesekreismitglieder. Eine örtliche Buchhandlung bietet bereits ein „Stöbern nach Ladenschluss“ an – hier möchte ich einen gemeinsamen Termin für die Lesekreise organisieren, um neue Lektüre zu entdecken und ins Gespräch zu kommen.
Mein Fazit: Ein Modell mit Signalwirkung
Das Lesekreis-Zentrum der Stadtbibliothek Osnabrück zeigt exemplarisch, welche Rolle Bibliotheken im 21. Jahrhundert einnehmen können: nicht nur als Medienanbieter, sondern als aktive Vermittler sozialer Leseerfahrungen.
Der entscheidende Erfolgsfaktor liegt nicht in dauerhafter Moderation, sondern in kluger Infrastruktur: initiieren, vernetzen, Ressourcen bereitstellen – und Verantwortung übergeben. So entsteht nachhaltige Community-Bildung mit überschaubarem Personaleinsatz.
Für Bibliotheken eröffnet dieses Modell neue Wege der Profilbildung. Für den Buchhandel entstehen Kooperationschancen. Und für Verlage werden Lesekreise als stabile, diskussionsfreudige Multiplikatoren sichtbar.
Wer Lesekreise strategisch unterstützt, stärkt nicht nur das Lesen – sondern schafft lebendige literarische Öffentlichkeit. Die Stadtbibliothek Osnabrück zeigt, wie es gehen kann.
Weitere Informationen:
www.stadtbibliothek.osnabrueck.de/lesekreis-zentrum#/
www.stadtbibliothek.osnabrueck.de/lesekreis-taschen
